Etabliertes Forschungsprogramm

Relationale Sicherheit & Global China

Wie wird Schutz im Alltag tatsächlich nutzbar? Meine Forschung zu chinesischen Bewohnerinnen und Bewohnern in Juba untersucht, wie formale Sicherheitsmaßnahmen durch Beziehungen, Gegenseitigkeit, Vertrauen und soziale Einbettung praktisch wirksam werden. Daraus entwickle ich einen relationalen Sicherheitsansatz, der nicht nur fragt, ob Schutz formal vorhanden ist, sondern wie er glaubwürdig und handlungsrelevant wird.

Illustrierte Ansicht von Juba im Südsudan mit dem Weißen Nil, einer Brücke, Stadtlandschaft und entfernten Hügeln.
Illustrierte Forschungslandschaft: Juba und der Weiße Nil.

Das Problem

Internationale Sicherheit wird häufig über Staaten, Institutionen, Fähigkeiten und formale Garantien analysiert. Diese Faktoren sind wichtig, erklären aber nicht allein, wie Menschen entscheiden, ob sie einem Wachmann vertrauen, einer Botschaftswarnung folgen, bestimmte Risiken eingehen oder ein Protokoll an lokale Umstände anpassen.

Meine Arbeit fragt, was sich ändert, wenn Sicherheit als etwas verstanden wird, das in Beziehungen hergestellt wird, statt lediglich von Institutionen bereitgestellt zu werden. In Juba fehlten formale Arrangements keineswegs. Entscheidend war, wie sie praktische Wirksamkeit erlangten. Persönliche Beziehungen, Gegenseitigkeit und soziale Einbettung beeinflussten, wann Regeln befolgt, umgangen oder überhaupt erst sinnvoll wurden.

Juba und chinesische Alltagssicherheit

Der empirische Kern dieses Programms ist mehrsprachige ethnografische Forschung mit chinesischen Bewohnerinnen und Bewohnern in Juba, Südsudan. Über drei Feldforschungsaufenthalte hinweg verband ich teilnehmende Beobachtung mit rund 100 Interviews, um zu untersuchen, wie Bewohner, Unternehmen und andere Akteure Risiken wahrnahmen und Schutz für sich, ihr Eigentum und ihre Interessen organisierten.

Die Ergebnisse stellen eine verbreitete Erklärung chinesischer Präsenz in Hochrisikoumgebungen infrage: dass chinesische Akteure schlicht ungewöhnlich risikobereit seien oder sich ihr Verhalten direkt aus chinesischer Staatsstrategie ableiten lasse. In der Praxis ist entscheidend, wie Menschen in lokale soziale und institutionelle Beziehungen eingebettet sind, welche Formen der Gegenseitigkeit sie mobilisieren können und welche Schutzquellen sie für glaubwürdig halten.

Relationale Sicherheit als Argument

Diese Forschung entwickelt relationale Sicherheit als analytischen Ansatz. Die zentrale These lautet weder, Institutionen seien unwichtig, noch Beziehungen seien etwas spezifisch Chinesisches. Vielmehr werden formale Sicherheitsarrangements erst durch soziale Beziehungen und alltägliche Praxis wirksam. Sicherheit hängt damit von einer relationalen Infrastruktur ab, über die Warnungen interpretiert, Hilfe zugänglich, Wachpersonal vertrauenswürdig und Verpflichtungen handlungsfähig werden.

Im Anschluss an relationale Ansätze in den Internationalen Beziehungen versteht diese Perspektive Relationalität als Infrastruktur statt als kulturelle Essenz. Zugleich verbindet sie alltägliche Sicherheitspraktiken mit größeren Fragen politischer Ordnung, Legitimität und internationaler Präsenz.

Vom Südsudan zu weiterführenden Sicherheitsfragen

Die Forschung in Juba trägt inzwischen eine breitere Agenda zu chinesischen Sicherheitspraktiken im Ausland, Mikrogeopolitik, Friedenskonsolidierung und der Politik des Schutzes im Globalen Süden. Ein Strang untersucht chinesische Ansätze zu Peacebuilding und developmental peace. Ein weiterer fragt, wann alltägliche Praktiken geopolitisch folgenreich werden und wie sich dieser Zusammenhang belegen lässt, ohne gewöhnliche Handlungen lediglich als „geopolitisch“ umzubenennen.

Das Programm bildet zudem die Ausgangsbasis meines aktuellen Golfprojekts. Der Golf ist ein anspruchsvollerer Test des relationalen Arguments, weil Staaten stärker sind, Regeln konsistenter durchgesetzt werden und formaler Schutz leichter verfügbar ist. Wenn Beziehungen auch dort bestimmen, wie Schutz glaubwürdig wird, reicht relationale Sicherheit über Kontexte institutioneller Schwäche hinaus.